Entpolitisierung und Empowerment

24.3.2010

Es gibt ein grundlegendes Problem mit der Governance der FU. Bis in die achtziger und teilweise bis in die neunziger Jahre, definierten hochschulpolitische Gruppen ihre Ziele in einem größeren Rahmen, als nur dem der Universität selbst. Studenten und Professoren waren an gesamtgesellschaftlichen Vorgängen interessiert. Man wusste, mehr oder weniger, was die „linken“ bzw. die „rechten“ forderten. Bei den Wahlen zum akademischen Senat gab es damit eine überschaubare Anzahl an Listen und politischen Gruppen.

Jetzt, im Zeitalter, der „neuen Unübersichtlichkeit“ berichtet eine Arbeitsgruppe aus Konstanz über den "Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden in der Periode von 1983 bis 2007". Die Ergebnisse belegen, dass die Entpolitisierung der FU kein Einzelfall ist. Hatten 1983 bzw. 1990 noch 54% der Studenten „starkes“ politisches Interesse, waren es 2007 nur 37%. Studenten der Kulturwissenschaften schneiden heute genau so schlecht ab, wie Studenten in den Ingenieurwissenschaften. Zwischen 1995 und 2004 ging die Beteiligung an Bürgerinitiativen um 12 Prozentpunkte zurück.

Die Studiengruppe fasst zusammen:


„Anhand der behandelten Indikatoren ist zu bilanzieren, dass die Bindung in Gesellschaft und Gemeinschaft unter den Studierenden erheblich nachgelassen hat. Nicht nur die Apathie hat unter ihnen zugenommen, sondern auch ein Mehr an Entfremdung ist bei ihnen zu beobachten - die nicht zuletzt durch Unübersichtlichkeiten und affektive Distanz bestimmt ist. Der Verlust an Bindung, der sich in den distanzierteren Haltungen und einer nachlassenden Mitwirkung ausdrückt, weist auf zunehmende Desintegration und Anomie hin. Der Rückzug auf den privaten Bereich und die Abwendung von öffentlichem Engagement ist eine weitere beachtenswerte Tendenz, bedeutet sie doch einen Verzicht auf öffentliche Verantwortung und ihre Einübung in der Studienphase.“


Diese Entpolitisierung ist nirgends besser abzulesen, als bei der Teilnahme an den Wahlen zum akademischen Senat im Januar 2009. Bei den Professoren haben 61% abgestimmt, bei den akademischen Mitarbeitern nur 24%, bei den Studenten schließlich waren es nur noch 4,9%! Dies kann daran liegen, dass die Studenten sich wie das fünfte Rad am Wagen des AS fühlen, deutet aber eher auf allgemeine politische Resignation.

Es ist ein Paradoxon, dass man den Teufelkreis Desinteresse/Ohnmacht, eigentlich nur durch Empowerment brechen kann. Der runde Tisch mit den Studierenden der FU war ein guter Anfang: man sollte die Studentenvertreter ernst nehmen und zum regelmäßigen Dialog einladen. Nur wenn die Studenten wahrnehmen, dass an der Universität durch ihre Mitwirkung etwas bewegt werden kann, werden sie sich wieder für die Governance-Strukturen der FU interessieren. Der Präsident der FU Berlin sollte sich regelmässig mit den Studentenvertreter treffen, und der Reihe nach Vertreter aus jedem Fachbereich zu diesem Austausch einladen. Rund oder eckig: alle sollten am Tisch sitzen.

Running at Cornell