Running for President

Sprinten für partizipative Demokratie - 153.000 Zugriffe bis 31.3.10

Präsentation beim Hearing am 31.3.10 PDF-Datei

Al andar se hace el camino -- Antonio Machado

Der Bewerbungstext als PDF-Datei

In meinem Blog bespreche ich den Wahlprozess (linke Leiste)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Hiermit bewerbe ich mich um die ausgeschriebene Stelle als Präsident der Freien Universität Berlin. Meinen Lebenslauf und ein Verzeichnis meiner akademischen Leistungen in verschiedenen Bereichen (betreute Abschlussarbeiten, Kurse, Projekte und Drittmittel im Jahr 2009) erhalten Sie in der Anlage.

Sie werden sich fragen, welche besonderen verwaltungstechnischen Kenntnisse ich einbringe oder ob ich bereits eine ähnliche Position an einer anderen Universität bekleidet habe. Die Antwort ist einfach: Ich bin nur ein Forscher, ein Mitglied der Universität, mitten im akademischen Leben. Forschen ist meine Leidenschaft, die Lehre wesentlicher Teil meines Forschens, etwas, dem ich besonders gerne nachgehe. Im Laufe meiner akademischen Laufbahn bin ich selten in die Versuchung gekommen, mich um akademische Leitungspositionen zu bemühen (ich war nur einmal Geschäftsführender Direktor des Instituts für Informatik). Diesmal ist es etwas anders, da ich nicht länger mit ansehen will, wie Wissenschaft und Forschung in Berlin nach und nach abgebaut werden.

Die Lage ist dramatisch. Besonders im Fall der Freien und der Technischen Universität hat seit den neunziger Jahren ein beispielloser Abbau von Forschungskapazität stattgefunden. Hunderte von Professorenstellen sind gestrichen worden, ganze Forschungsrichtungen sind verschwunden. Man sollte meinen, im Zeitalter der Globalisierung würden sich Deutschland und das Land Berlin um Universitäten bemühen, die im globalen Kontext in Wettbewerb mit den amerikanischen und britischen Universitäten treten könnten. Das Gegenteil ist geschehen: Selten hat ein Industrieland seine Forschungs- und Ausbildungskapazität so grundlegend abgebaut, wie dies in der Hauptstadt Deutschlands der Fall ist.

Gewiss, die FU hat als Exzellenzuniversität zusätzliche Mittel erhalten, und es ist ein großes Verdienst des scheidenden Präsidenten und der antragstellenden Kolleginnen und Kollegen, allesamt engagierte Forscher, diese Gelder eingeworben zu haben. Aber es handelt sich dabei doch nur um einen Bruchteil der Mittel, die in den vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten, gestrichen wurden.

Wir können nicht einfach so tun, als ob wir die Allerbesten wären. Wir haben natürlich hervorragende Forscher, gewissenhafte Dozenten, Leibniz-Preisträger -- wir kennen sie alle. Aber insgesamt sind wir weit davon entfernt, zu den weltbesten Universitäten zu gehören. Können wir uns mit Stanford oder der ETH Zürich messen? Können wir uns mit Oxford oder Princeton vergleichen? Bereits die Frage klingt vermessen. Trotz allen Jubels für die Auszeichnung der FU Berlin in Rahmen der Exzellenzinitiative sollten wir die Augen nicht vor den Problemen, die wir haben, verschließen.

Die Lösung einer Krise fängt mit deren Eingeständnis an. Wir können nicht „wie gehabt“ weiterwirtschaften. Wir müssen neue Wege finden und mit alten Bräuchen brechen.

Und das fängt mit der Wahl des Präsidenten an. Ich will nicht verschweigen, dass mir andere Persönlichkeiten einfallen, die gut dafür wären, die Freie Universität aus der Krise herauszuführen. Prof. Grötschel zum Beispiel, der bei der Wahl zum Präsidenten der TU Berlin gescheitert ist: Leibniz-Preisträger, Präsident der Internationalen Mathematiker-Vereinigung, eine starke Persönlichkeit. Trotzdem ist er durchgefallen. Welche Absprachen im Hintergrund liefen, welche politischen Kräfte sich zusammengetan haben, das bleibt für Außenstehende ein Rätsel.

Die Wahl des Präsidenten der Freien Universität Berlin sollte anders erfolgen. Wenn wir wirklich den Weg der Exzellenz gehen wollen, sollten wir zu allererst auf die akademischen Verdienste schauen, Bewerber von außen ernsthaft in Betracht ziehen und vor allem offen über Alternativen und Programme reden.

Es geht also bei dieser Bewerbung nicht um mich oder um politische Ambitionen, es geht um die Freie Universität. Würde sich ein hervorragender Forscher, ein leidenschaftlicher Akademiker, ein Leuchtturm seines Faches um die ausgeschriebene Stelle bewerben, und hätte eine solche Persönlichkeit klare Vorstellungen über die Zukunft der Universität, wäre ich der erste, der eine solche Bewerbung begrüßen würde.

Es ist aber leider so, wie der Fall der TU Berlin zeigt, dass in Berlin solche wichtigen akademischen Posten politisch ausgehandelt werden. Es gibt althergebrachte politisch-akademische Blöcke, die vier Jahre lang Winterschlaf halten, um kurz vor den Wahlen zum akademischen Senat aufzuwachen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass eine reduzierte Anzahl von Personen auf Dauer die wichtigsten Entscheidungen trifft. Bei weitem nicht alle Professoren, noch weniger Mitarbeiter und eine verschwindend geringe Anzahl von Studenten nehmen an den Wahlen zum akademischen Senat teil. So ist alles Folgende, von der Zusammensetzung des akademischen Senats bis zur Wahl des Präsidenten, politisch bestimmt, manchmal eher zufällig, und findet ohne deutliche Artikulierung der jeweiligen Vorstellungen über die Zukunft der Universität statt. Die universitäre Öffentlichkeit fühlt sich von den wichtigsten Entscheidungen ausgeschlossen.

Das sollte sich ändern, und Sie als Kuratorium bzw. Senat können mit der Wahl des Präsidenten der FU Berlin damit anfangen. Sie könnten kundtun, erstens, die Krise erkannt zu haben, und zweitens, etwas dagegen tun zu wollen. Damit würden Sie ein Zeichen für Berlin setzen. Diese Wahl sollte nicht business as usual sein.

Damit lautet meine erste Bitte an Sie, meine Damen und Herren des Kuratoriums und der universitären Organe, die diese Bewerbung zu bewerten haben: Denken Sie out of the box, vermeiden Sie, dass der zukünftige Präsident nach politischen Kräfteverhältnissen ausgehandelt wird. Es geht nicht darum, wer mehr politische Stimmen im Senat hat oder nicht, es geht um die Zukunft einer Institution, die wir in eine echte Exzellente Universität verwandeln müssen.

Was sollten wir also anstreben? Im Folgenden nenne ich einige Initiativen, die ich im Falle meiner Wahl starten würde. Die Reihenfolge ist linear, die Probleme sind multifaktoriell. Jedes hat seine eigene Dringlichkeit und Priorität. Die meisten müssen wir parallel bearbeiten.

1. Exzellenzuniversität. - Eine der dringendsten Aufgaben ist es natürlich, die Anträge für die zweite Phase des Exzellenzwettbewerbes auf den Weg zu bringen. Der Exzellenzrat hat bereits Projekte besprochen und bereitet die Einreichung vor. Hier sollte man die begonnene Arbeit fortsetzen und, wo möglich, intensivieren. Bei den Naturwissenschaften besteht Nachholbedarf. Es gibt dort die Graduiertenschule in der Mathematik, aber sonst kein anderes Cluster. Da die FU Berlin Mittel für die genehmigten Cluster bereitstellen muss, läuft man Gefahr, in Zukunft die Naturwissenschaften zu schwächen. Hier liegt aber die Verantwortung bei den Naturwissenschaften, die größere Anstrengungen für die Einreichung von Clustern unternehmen sollten. Arbeit in dieser Richtung sollte umgehend unterstützt werden. Unabhängig vom DFG-Wettbewerb sollten wir die Einrichtung von neuen interdisziplinären Clustern vorantreiben. Darüber ist in den letzten Jahren viel gesprochen worden, eine echte Vernetzung zwischen Natur- und Sozialwissenschaften hat allerdings noch nicht stattgefunden. Es gibt Ansätze dazu, aber noch keine Erfolgsstories. Und warum? Weil uns in vielen Bereichen die kritische Masse durch all die Kürzungen abhanden gekommen ist.

2. Gemeinsame Forschung und Lehre am Standort Berlin. - Jenseits des DFG-Wettbewerbes sollten wir also an eine Stärkung der FU und an die internationale Konkurrenz denken. Keine der drei Berliner Universitäten hat alleine die Größe, um sich mit den besten amerikanischen oder britischen Universitäten zu messen. Deswegen würde ich, gleich nach Amtsantritt, mit der TU Berlin, als der geographisch nächstgelegenen Universität, Gespräche aufnehmen, um gemeinsame Abschlüsse beider Universitäten zu ermöglichen. FU und TU sind komplementär und verfügen zusammen über die Ressourcen, die einen solchen Verbund sofort in den weltweiten Rankings der Universitäten nach oben katapultieren würden. Die Fusion von zwei der Berliner Universitäten ist leider nie ernsthaft und schon gar nicht an der Basis (d.h. direkt in den Fachbereichen) diskutiert worden. Schuld daran ist die Berliner Politik, die solche Pläne nur als Sparmaßnahme versteht, nicht jedoch als Chance für eine wirklich potente Universität im Berliner Raum. Ich bin der Meinung, dass wir keine Angst vor einem Zusammengehen mit der TU Berlin haben sollten. Im Gegenteil, wir sollten dies als große Chance verstehen, endlich eine weltweit führende Universität in Berlin zu haben.

Ich bin aber kein Phantast. Ich weiß, dass solche Maßnahmen einiger Zeit bedürfen, um sie zu diskutieren, um sie zu gestalten. Als Schritt in diese Richtung sollten jedoch die Zeugnisse aller Studenten, die mindestens ein Drittel des Bachelor- oder Masterstudiums in der jeweils anderen Universität absolviert haben , das Siegel beider Universitäten tragen. Wir, FU und TU Berlin zusammen, hätten gemeinsame Absolventen, und wir könnten viele neue Fächerkombinationen ermöglichen, z.B. Ingenieure, die ihr Studium mit Sozialwissenschaften oder Umweltwissenschaften kombinieren. Zahlreiche FU und TU übergreifende Master-Studiengänge wären denkbar.

Schon heute werden gemeinsame Abschlüsse auf europäischer Ebene vom DAAD gefordert und angestrebt. Es ist deswegen fast absurd, dass solche Initiativen auf Berliner Ebene nicht ernsthafter in Angriff genommen werden.

Das Matheon, der Verbund der Mathematiker von TU, FU und HU, hat Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet und gezeigt, wie dies verwirklicht werden kann. Erst wenn wir die Kräfte der Berliner Universitäten bündeln, können wir auf Bundesebene ernsthaft mitreden. Ein Zentrum für Bioengineering, heute Gang und Gäbe an den wichtigsten amerikanischen Universitäten, kann z.B. keine der beiden Universitäten allein einrichten.

Jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren diesen Weg des Zusammengehens nicht nur in der Mathematik, sondern auch in den anderen Fächern, bis hin zur möglichen Integration von zwei der drei Berliner Universitäten vorgeschlagen habe, ist mir das Gespenst der Kürzungen und Sparmaßnahmen vorgehalten worden. Ich denke, wir sollten davor keine Angst haben: es liegt an uns, dies zu vermeiden. Die Kürzungen der letzten Jahre haben viele Teile der FU (und auch der TU) unter die notwendige kritische Masse gebracht. Schauen Sie einmal an, was die Technische Hochschule Karlsruhe mit der Fusion der Universität und dem Forschungszentrum Karlsruhe erreicht hat: daraus ist ein echtes Powerhouse entstanden, das sich sehr selbstbewusst Karlsruhe Institute of Technology nennt. Das Land Baden-Württemberg agiert hier vorausschauend und im Sinne des weltweiten Wettbewerbs.

3. Mehr Autonomie wagen. - Einige Bundesländer haben es bereits erreicht: Berufungen werden von den Universitäten selbst entschieden und verhandelt, ohne den Gang über den Wissenschaftssenator zu nehmen. Diese Bevormundung der Universitäten ist anachronistisch und sollte abgeschafft werden. Universitäten sollten ihre Forschungsschwerpunkte und ihre Berufungspolitik selbst definieren können. Wir sollten gemeinsam mit der TU und der HU um die Autonomie der Berliner Universitäten kämpfen.

Mehr Autonomie sollten wir allerdings auch intern wagen. Die Verantwortung sollte von oben nach unten umverteilt werden. Während der Wissenschaftssenator dann deutlich weniger in Angelegenheiten der Universität zu sagen hätte, würden die Fachbereiche und die Dekane umso mehr gestärkt werden. Fachbereiche sollten ihre Berufungen selbständig aussprechen können, und jeder Eingriff des Präsidiums sollte auf das absolute Minimum reduziert werden. Die Investitionen und Pläne der Universität sollten zusammen mit allen Dekanen diskutiert werden. Die Fachbereiche sollten mehr Autonomie bei der Verwendung ihrer Ressourcen und ihrer Planung haben.

Zwar ist eine solche Stärkung der Dekane und Fachbereiche seit Jahren diskutiert worden, aber die Planungs- und Entscheidungskompetenz der Dekane ist immer noch nicht weitreichend genug. Präsidium und akademischer Senat können nicht jeden Fachbereich mikromanagen. Die Dekane sollten z.B. Entscheidungsgewalt über die Verwendung von Overhead-Mitteln haben. Sie sollten auch größere Teile des universitären Budgets verwalten und befugt sein, mit Professoren und Mitarbeitern Zielvereinbarungen zu treffen. Eine Aufgabe der Dekane sollte auch sein, mit underperforming Mitarbeitern und Professoren zu reden, um die gesamte Forschungs- und Lehrqualität der Fachbereiche zu erhöhen.

4. Open Door. - Die leitenden Organe der Universität sollten für jeden zugänglich sein. Ich würde für alle Mitglieder der Universität eine Politik der offenen Tür verfolgen. Dies bedeutet, dass jeder Mitarbeiter damit rechnen kann, dass ein Mitglied des Präsidiums sie oder ihn innerhalb von 48 Stunden zum Gespräch empfängt. Es ist natürlich bequemer, Beschwerden oder Probleme auf dem schriftlichen Weg zu empfangen oder auf die lange Bank zu schieben. Jedoch sollten alle Mitarbeiter wissen, dass das Präsidium für sie da ist. Wie man auf Englisch sagt: A government of the people, for the people.

5. Frauenförderung. - Die FU Berlin hat in den letzten Jahren die Anzahl der Frauen, sowohl bei den Studierenden als auch bei den akademischen Mitarbeitern und Professoren, steigern können. Dies ist erfreulich. Es besteht aber weiterhin Handlungsbedarf, vor allem in Teilen der Naturwissenschaften und Informatik, wo Frauen immer noch unterrepräsentiert sind. Hier müssen wir die Lage etwas gründlicher untersuchen, da die späteren Probleme bereits in der Schule ihren Anfang nehmen. Gezielte Maßnahmen der FU in Zusammenarbeit mit den Berliner Schulen (wie zum Teil bereits durch die Schülerinnen-Sommerkurse realisiert) sollten hier Abhilfe schaffen.

6. Ständiger Kontakt mit den Studenten. - Regelmäßig gibt es an der FU Ausbrüche von Studentenprotesten. Man sollte solche Konflikte proaktiv vermeiden und ständigen Kontakt mit den Studentenvertretern suchen. Vieles, was die Studenten am Bachelorstudiengang beklagen, ist tatsächlich ein Problem. Die Studienpläne sind extrem verschult und in vieler Hinsicht einer Universität unwürdig. Im Rahmen des Bachelorstudiums ist es sehr schwer, eine persönliche Zusammenstellung von Lehrveranstaltungen zu erreichen. Mit dem Bologna-Prozess sind viele positive Aspekte des alten Diplomstudienganges verloren gegangen, vor allem jene, die die relativ große Freiheit der Studenten bei der Gestaltung ihres Studiums und die eigene Verantwortung dafür betreffen. Heute verhindern wir die Freiheit und zwingen alle Studenten in das Korsett der unflexiblen Studienpläne. Wir sollten nach Alternativen suchen, die die Studenten weniger bevormunden, mehr Variabilität anbieten und den Anschluss an die Forschung ermöglichen.

In diesem Sinne würde ich als Präsident der FU Berlin ein jour-fixe mit Studentenvertretern einführen und würde turnusmäßig Vertreter der verschiedenen Studiengänge zu den Sitzungen einladen. Eine Politik der offenen Tür bedeutet auch, dass Studentenvertreter damit rechnen können, innerhalb der oben angesprochenen 48 Stunden gehört zu werden.

7. Verbesserung der Lehre. - Viele sehr gute und engagierte Dozenten sind frustriert, weil die Lehrbedingungen in den letzten Jahren ständig verschlechtert wurden. Der Berliner Senat setzt ausschließlich quantitative Ziele für die Universitäten (möglichst viele Abschlüsse), ohne auf die Qualität zu achten. Wir sollten uns dagegen wehren. Es geht nicht darum, Absolventen am Fließband zu produzieren. Wir wollen nicht auf die Ebene der alten Fachhochschulen fallen, wo Forschung kaum eine Rolle spielt. Es muss möglich sein, gute Vorlesungen anzubieten, und dies sollte honoriert werden. Es muss möglich sein, dass Tutoren die Studenten betreuen. Wenn wir nicht überall das Mindestmaß an Qualität in der Lehre einhalten können, sollten wir ernsthaft darüber diskutieren, welche Studienfächer noch erhalten bleiben können; in denen sollte dann auch eine sehr hohe Lehrqualität herrschen.

Da ich eher an positives Feedback als an Bestrafung glaube, sollten wir einen Lehr- und Forschungspreis der FU Berlin etablieren. Dozenten, die sowohl in der Lehre als auch in der Forschung exzellente Arbeit leisten, sollten damit ausgezeichnet werden. Schlechte Lehre und schlechte Vorlesungen sollten von den Dekanen identifiziert und Lösungen gefunden werden.

Zu der Verbesserung der Lehre zähle ich auch, dass die Berliner Universitäten gemeinsam aus dem widersinnigen Akkreditierungsprozess aussteigen. Es werden Unsummen dafür vergeudet, dass irgendwelche Akkreditierungsagenturen uns einen Stempel zuteilen. Wir sollten so selbstbewusst wie Oxford oder Cambridge auftreten, die keine Akkreditierung akzeptieren und natürlich auch keiner bedürfen. Die rechtlichen Mittel für diesen Ausstieg sollten die Berliner Universitäten gemeinsam ausschöpfen.

8. Studiengebühren. - Studiengebühren sind nicht geplant und sollten auch nicht erhoben werden. Die FU Berlin sollte die soziale Situation der Studenten sorgfältig untersuchen. Man sollte methodisch die Gründe für lange Studienzeiten beleuchten und mögliche Lösungen diskutieren. In vielen Fällen liegt es daran, dass Studenten arbeiten müssen. Man sollte in solchen Fällen differenzierter mit den Studenten umgehen und nicht alle in denselben Topf der Zwangsberatung werfen. Die heute existierende Zwangsberatung sollte man überprüfen und gegebenenfalls durch echte Förderungsmechanismen ersetzen.

9. Republikanische Austerität. - Die FU Berlin ist wie eine Firma, die ständig am Rande des Bankrotts schwebt. Es gibt keinen Grund und keinen Bedarf für Überflüssiges. Es gibt keine Notwendigkeit für einen PR-Sprecher des Präsidenten. Die Pressestelle erfüllt ihren Auftrag, und das Präsidium sollte über diesen Kanal nach außen kommunizieren. Der zukünftige Präsident der FU sollte ein primus inter pares sein und sollte in Zeiten knapper Kassen republikanische Austerität im Amt walten lassen. Im selben Zug sollte man den relativen Zuwachs der Kosten für den akademischen Bereich und die Verwaltung überprüfen. Die FU Berlin sollte bei der Optimierung ihrer Ressourcen besonders erfinderisch sein.

10. Universitätsgehälter. - Die Mitarbeiter der FU Berlin sind unterbezahlt. Bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern und Angestellten wurden, begründet durch die Fiktion der Arbeitszeitreduzierung, die Gehälter gekürzt (im Zuge der Berliner Haushaltsprobleme). Es ist dringend notwendig, die Bezahlung an der FU auf das Niveau anderer Universitäten anzuheben. Dies sollte gemeinsam mit den anderen Berliner Universitäten als dringendes Problem behandelt werden. Auch im Falle der Professoren ist die neue W-Besoldung, zumindest für Neuberufene, ein deutlicher Rückschritt. Für W1-Stellen zahlen wir weniger, als für manche DFG-Nachwuchsstellen an anderen Universitäten gezahlt wird. Der Gedanke bei der W-Besoldung war, durch Zielvereinbarungen zu vermeiden, dass neue Professoren im Amt einschlummern. Dies ist aber nur selten der Fall. Deswegen sollten Zielvereinbarungen angemessen sein und nicht diejenigen bestrafen, die mehr an der Universität leisten. Es sollte auch wieder eine Gerechtigkeit der Generationen geben: Neuberufenen und Wiederberufenen sollte nicht die Last der ganzen Universität aufgebürdet werden.

Wir sollten in den nächsten Jahren generell eine Verbesserung der W-Besoldung anstreben und den Abschluss von Zielvereinbarungen neu regeln. Zielvereinbarungen sollten auf Fachbereichsebene und nicht, wie heute, mit dem Präsidium geschlossen werden.

11. Verbindung mit den Schulen und advanced placement. - Wir können als Universität nur so gut wie unsere Studenten sein. Wir sollten deswegen größte Anstrengungen unternehmen, die besten Schüler der Region Berlin-Brandenburg frühzeitig an die FU zu binden. Dies kann in verschiedenen Formen geschehen. Einerseits sollten wir in allen Fachbereichen der FU Schülern die Möglichkeit geben, Scheine für Kurse der beiden ersten Studienjahre zu erwerben. Dies geschieht bereits vereinzelt in einigen Studiengängen. Hochbegabte Schüler z.B. besuchen Kurse der Mathematik und Informatik und können danach diese Kurse anerkannt bekommen. Wir sollten aber sogar das sogenannte „advanced placement“ ermöglichen: Schüler, die bereits die dafür notwendigen Kenntnisse erworben haben, können sich prüfen lassen und Kurse überspringen. Dafür brauchen wir einen rechtlichen und organisatorischen Rahmen. Es gibt auch bereits vereinzelt Kurse für Schüler im Sommer: wir könnten den Campus durch solche Kurse beleben und damit das Angebot der FU erweitern. Für das Lehrpersonal könnten diese Kurse als Teil des Lehrdeputats gelten. Wir könnten auch damit gezielt internationale Studenten ansprechen, indem wir die Kurse auf Englisch halten. Die FU Berlin verfügt für ein solches Programm der Frühbindung von Talenten über einen Standortvorteil, da die Schulen in ihrem Einzugsbereich relativ gut sind. Wir sollten aber auch alle anderen Schulen in Berlin ansprechen und Werbung für unsere Initiative machen: Talente gibt es überall.

12. Konstituierende Versammlung. - Die FU, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Die Medizin, früher eine der größten und drittmittelstärksten in Deutschland, wurde praktisch ohne Narkose aus dem Leib der Universität gerissen. Im öffentlichen Diskurs und im Bewusstsein der Bevölkerung gibt es nur die Charité, und viele denken, die Universitätsmedizin gehört allein der HU. Die Naturwissenschaften an der FU sind in vielen Fällen praktisch halbiert, in den Sozialwissenschaften sind ganze Bereiche abgebaut worden. Es ist dabei leider kein langfristiger Plan zu erkennen. Wir verwalten lediglich den Mangel, und das seit Jahren. In der Mathematik und Informatik gibt es kaum Mittel für Tutoren. Ganze Vorlesungen können absolviert werden, ohne jemals eine Hausaufgabe geschrieben zu haben. Eigentlich können wir Berliner Abiturienten bei einigen Studienfächern nur mit schlechtem Gewissen ein Studium an der FU Berlin empfehlen. In München oder Freiburg wären sie womöglich besser bedient.

Diese gefühlte Planlosigkeit der letzten mehr als 15 Jahre ist der FU Berlin durch die Knappheit der Ressourcen und von der Berliner Politik praktisch auferlegt worden. Wir sollten jetzt innehalten und uns ernsthaft fragen, in welche Richtung wir die Universität bewegen wollen. Wie viele Sozial- und wie viele Naturwissenschaften wollen wir haben? Wie können wir erreichen, dass Cluster an der FU interdisziplinärer werden? Welche Cluster können wir zwischen Natur- und Geisteswissenschaften etablieren?

Was wir nach Jahren der Verwaltung des Mangels jetzt brauchen ist eine Art konstituierende Versammlung, in der all diese Fragen ohne Tabus diskutiert werden. Vertreter aller Fachbereiche sollten sich treffen und alle oben genannten Themen, von der Fusion mit anderen Universitäten bis hin zur Reform des Studiums und der Neustrukturierung der Universität diskutieren. Eine aufrichtige Diskussion sollte alle Mitglieder der Universität mobilisieren. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe. Wir können nicht erwarten, dass der nächste Präsident uns wie ein Messias retten wird. Nur gemeinsam können wir diese Hürden überwinden und die Universität der Zukunft gestalten.

Daher wäre eine meiner ersten Maßnahmen als Präsident der FU Berlin, eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Universitätsreform“ ins Leben zu rufen, die unabhängig und der Zukunft zugewandt alle diese Themen untersuchen würde. Diese Kommission sollte innerhalb von 12 Monaten einen Bericht und Empfehlungen abgeben. Ihre Besprechungen und Workshops wären für Mitarbeiter und Studenten der FU Berlin offen.

Meine Damen und Herren des Kuratoriums und des Senats der FU Berlin: Ich reiche diese Bewerbung schweren Herzens ein. Ich kenne die Freie Universität und ich weiß, dass jeder, der außerhalb der bestehenden politischen Blöcke eine Bewerbung um dieses wichtige Amt einreicht, eher als Störenfried denn als Kandidat wahrgenommen wird. Aber es geht um viel mehr als um das Amt des Präsidenten: Es geht um unsere gemeinsame Zukunft.

Ich kenne das Ungeheuer, weil ich lange genug in seinem Bauch gelebt habe. Ich habe am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin promoviert. Als Doktorand habe ich Veranstaltungen in der Politologie, in der Soziologie und in den Wirtschaftswissenschaften besucht. Studiert habe ich Mathematik und Physik in Mexiko. Ich habe in der Informatik der FU habilitiert. An der FU habe ich Physik-Kurse belegt. Am Lateinamerika Institut und am OSI habe ich Kurse angeboten. Mit den Kollegen der Biologie betreibe ich gemeinsame Projekte. Ich bin Mentor von vier Ausgründungen der FU Berlin.

Ich kenne die FU Berlin, ich kenne viele Fachbereiche, sowohl in den Sozial- wie in den Naturwissenschaften, direkt und von innen. Ich kenne ihre Stärken und ihre Schwächen, aus eigener Erfahrung, sei es als Student, als Mitarbeiter oder als Hochschullehrer. Seit 1982 erlebe ich hautnah, wie dieser Universität ein Glied nach dem anderen abgeschnitten wird. Wie Phantomglieder schmerzen alle diese Teile weiter und stellen unsere Zukunft in Frage.

Meine Damen und Herren: Machen wir uns nichts vor! Die so abgemagerte FU Berlin spielt trotz aller Rankingspiele nicht in der Champions League der internationalen Universitäten. Wir möchten nicht einfach besser als die anderen lokalen Universitäten sein und uns freuen, weil wir das Exzellenzprädikat der DFG bekommen haben und die anderen nicht. Ohne den Anspruch, die Nummer Eins werden zu wollen, werden wir nicht einmal die Nummer Hundert sein. Aus diesem Grund können wir heute nicht mehr allein auf der Ebene von Dahlem-Lankwitz denken. Wir sollten Gesamt-Berlin, ja sogar die Region Berlin- Brandenburg mit der Universität Potsdam im Auge behalten. Neue Formen der Interaktion, Zusammenarbeit und des Zusammenwachsens mit anderen Universitäten müssen erprobt werden. Ohne Tabus und ohne Angst.

Meine Damen und Herren: Ich würde mich freuen, wenn die Wahl des neuen Präsidenten der FU Berlin zum Anlass genommen würde, diese wichtigen Fragen tiefgreifend zu diskutieren. Bei Ihnen liegt nun die Verantwortung. Wir können in Berlin so weiter machen wie bisher oder die Weichen für die Zukunft stellen. Ich würde mich freuen, wenn verschiedene Programme, wenn verschiedene Ideen und nicht allein die Lebensläufe der Kandidaten aufeinander stoßen würden. Setzen Sie ein Zeichen, nehmen Sie sich Zeit, hören Sie die Bewerber, laden Sie die universitäre Öffentlichkeit ein, an dieser außerordentlich wichtigen Debatte teilzunehmen. Beleben Sie die verschiedenen Gremien der Universität, indem Sie diese zu Gesprächspartnern und Teilhabern der Entscheidung erheben. Seien Sie mutig, es steht viel auf dem Spiel.

Von meiner Seite kann ich nur bekräftigen, dass - obwohl ich über wenig Erfahrung mit Verwaltungsposten verfüge - den festen Willen und die Fähigkeit habe, die FU zu neuen Ufern zu leiten. Warum? Weil wir durch Stärkung der universitären Organe, durch relative Autonomie der Fachbereiche und Transparenz bei den Entscheidungen, eine Regierungsmaschinerie erzeugen könnten, die weniger von der Genialität eines einzelnen Lotsen als von der Teilnahme aller Leistungsträger der Universität abhängt, und die damit auf dem richtigen Kurs bleiben wird. So muss eine Regierung funktionieren!

Meine Damen und Herren des akademischen Senats: Am 10.03.2010 soll die erste Sichtung der Unterlagen der Bewerber im Senat stattfinden. Es sollen bereits einige der Bewerber „gefiltert“ werden. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass, während ich dies schreibe, nicht bereits Absprachen zwischen maßgeblich im akademischen Senat vertretenen Gruppen stattgefunden haben. Mir ist neulich schon vorgeworfen worden, solche Vorgespräche nicht selber gesucht zu haben. Ich habe absichtlich darauf verzichtet und geduldig auf die Ausschreibung gewartet. Ich habe auch in Ruhe und überlegt diesen Bewerbungsbrief geschrieben. Deswegen reiche ich ihn eine Woche später als meinen Lebenslauf ein.

Ein Drittel Ihrer Stimmen sind notwendig, um eine Bewerbung im weiteren Verlauf dieses Prozesses am Leben zu halten. Ich appelliere an Sie: beenden Sie die Diskussion um unsere verschiedenen Visionen der Universität der Zukunft nicht vorzeitig! Diese Debatte muss beginnen und bis zu einer Entscheidung energisch geführt werden! Schenken Sie allen Kandidaten ihre Aufmerksamkeit. Nehmen Sie sich Zeit, um so viele Kandidaten wie möglich zu hören! Dies ist die Freie Universität Berlin und ein breiter, intensiver und, ja, freier Meinungsaustausch sollte eröffnet werden.

Aber etwas sollte Ihnen als gewählte Vertreter der verschiedenen Gremien Sorgen machen. Die Beteiligung an den Wahlen zu den Universitätsorganen ist nicht die bestmögliche. So wie in der Physik die „dunkle Materie“, d.h. unsichtbare, doch präsente Teilchen, die Bewegung der Himmelskörper beeinflusst, so haben wir es an der FU Berlin mit einem beträchtlichen Anteil an politischer „dark matter“ zu tun. Forscher forschen, Studenten studieren, Mitarbeiter gehen ihren Tätigkeiten nach. An den verschiedenen politischen und akademischen Prozessen aber sind viel zu wenige FU-Angehörige beteiligt. Sie fühlen sich auch nicht unbedingt vertreten. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Zukunft der FU Berlin auf allen Ebenen zu diskutieren. Es ist die Zeit für Sie als gewählte Vertreter gekommen, Führungskraft zu zeigen, indem Sie die universitäre Öffentlichkeit dazu aufrufen, sich zu äußern, sich zu artikulieren, sich zu beteiligen und über Sie als gewählte Vertreter eine Entscheidung herbeizuführen. Ich bin sicher, dass eine solche Diskussion uns stärken und keineswegs schwächen wird. Lassen Sie der Diskussion und dem Fluss der Ideen freien Lauf. Am Ende des Prozesses werden wir zusammenkommen -- vorher müssen wir aber gründlich debattieren. Und so wird sich danach jeder an der Freien Universität als Subjekt und Gestalter des eigenen Schicksals fühlen.

Bei Ihnen liegt die Wahl. Fähige Kandidaten gibt es viele. Was jedoch nicht so leicht zu finden ist, ist ein Kandidat, der sich mit der FU Berlin so verbunden fühlt wie ich.

Ihr

Raul Rojas